INTERVIEW

Im Gespräch mit Deepa Gautam-Nigge, Global Lead SAP Next-Gen Ecosystem, SAP

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?

Deepa Gautam-Nigge: Als Global Lead SAP Next-Gen Ecosystem bei SAP ist in meiner Rolle kaum ein Tag wie der andere. Dabei verbringe ich einen Teil meiner Arbeitszeit damit mir grundsätzlich Gedanken zu machen wie Partner und Organisationen rund um Bildungsauftrag für die nächste Generation Anwender, Entscheider, junger Unternehmer und Mitarbeiter weiterzuentwickeln und einzubinden sind. Einen weiteren Teil meiner Zeit verbringe ich dann auch damit die Entscheider, Vorstände, Universitätsprofessoren und Start-ups zu treffen um diese Ideen auch gemeinsam mit ihnen umzusetzen. Also die komplette Spannweite von sehr strategischen Themen bis hin zu operativen Details. Da ich  mich beruflich schon seit über 20 Jahren damit beschäftige neue, innovative Geschäftsmodelle in den Markt zu bringen oder diese weiterzuentwickeln, ist diese Arbeitsweise für mich aber sehr vertraut.

Was muss man für Deinen Job unbedingt mitbringen?

Gautam-Nigge: Eine ganz wichtige Eigenschaft ist eine konstruktive Neugier und Offenheit gegenüber Neuem. In meinem Job verbinde ich ganz verschiedene Welten miteinander. Ich habe täglich mit sehr diversen Unternehmenstypen sowie mit Entscheidern auf unterschiedlichsten Karriere-Leveln zu tun: Das reicht von globalen Konzernen bis zum Start-up – mit einem 360-Grad-Blick auf das Thema Innovation. An dieser Schnittstelle muss ich immer die richtigen Puzzleteile zusammensetzen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Das setzt einerseits ein immenses Verständnis für ganz unterschiedliche Organisations-Strukturen wie -Kulturen und andererseits ein hohes Maß an Empathie voraus.

Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung einen unheimlichen Schub gegeben. Als Expertin für Innovation wie ist Deine Einschätzung: Wird die Krise auch die Innovationskraft stärken?

Ich bin davon überzeugt, die Corona-Pandemie ist ein starker Katalysator, um die Digitalisierung voranzubringen. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen: Wir managen derzeit eine Ausnahmesituation. Wenn wir diese hinter uns haben, werden wir einiges wieder so handhaben wie in der in der Zeit „vor Corona“ . Viele Veränderungen die durch die Krise angestoßen wurden, werden sich aber dauerhaft manifestieren. In Bezug auf innovative Geschäftsmodelle tut sich momentan ebenfalls sehr viel. Einerseits zeigt sich gerade, welche Unternehmen und Geschäftsmodelle wirklich krisenresistent sind. Andererseits ist es eine gute Zeit, um Geschäftsmodelle noch einmal zu überdenken, zu überprüfen und anzupassen. Es wird sich jedoch erst noch zeigen, wer sich bestmöglich anpassen konnte, aus der Not eine Tugend gemacht hat und vielleicht sogar sein Geschäftsmodell erfolgreich weiterentwickelt hat.

Du bist durch Deine ersten eigenen Berufsjahre in einem Start-up und Deinem Engagement im Venture-Capital-Bereich  sehr eng mit der Gründerszene verbunden und hattest bei SAP ein Start-up-Programm gestartet, das sich speziell an Gründerinnen richtet. Laut Female Founders Monitor liegt der Frauenanteil bei Gründungen bei 15,7 Prozent. Wo stehen wir aus Deiner Sicht aktuell im Bereich Female Entrepreneurship?

Gautam-Nigge: Was das Thema Frauen und Gründung betrifft, fehlt es in gewisser Weise an Vorbildern und deren Sichtbarkeit. Die Gründerszene ist aktuell noch sehr männlich geprägt. Nichtsdestotrotz gibt es schon einige erfolgreiche Tech-Gründerinnen, die wir mehr herausstellen müssen. Ich hatte seinerzeit ein Frauen-Mentoring-Programm bei SAP ins Leben gerufen, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen, und sie gezielt zu den Themen zu schulen voranzubringen, ihnen Zugang zu erstklassigen Mentoren zu verschaffen und einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie sich austauschen können.

Frauen stellen 50 Prozent der Gesellschaft dar, insofern sollten sich weibliche Sichtweisen und Perspektiven in jeglicher Hinsicht auch im Start-up-Ökosystem widerspiegeln, weil sie einfach bereichernd sind. Gemischte Teams sind im Übrigen erfolgreicher und Frauen gründen auch nachhaltiger in ihren Geschäftsmodellen.

Was das Thema Frauen und Gründung betrifft, fehlt es in gewisser Weise an Vorbildern und deren Sichtbarkeit. Die Gründerszene ist aktuell noch sehr männlich geprägt.

Du bist auch als Venture Advisor bei einem Investor sowie einem Logistik-Unternehmen im Mittelstand tätig. Einige Gründerinnen sagen: Ich arbeite den Investoren-Pitch aus. Zum Pitch-Termin schicken wir aber meinen männlichen Mitgründer. Ist es für Frauen schwieriger, Kapital einzusammeln?

Gautam-Nigge: Wir sehen in vielen Bereichen einen Unconcious Bias in Entscheidungssituationen, das ist menschlich. Das führt mich auch zurück zum Pitch: Die Vielzahl der Investoren ist männlich. Per se verbindet man Tech-Expertise eher mit Männern, also sehen Investoren auch bei den Pitches eher Männer. Wichtig ist es, sich möglichst davon frei zu machen und vielleicht mehr weibliche Investorinnen ins Investment Commitee zu holen, damit auch diese Perspektive in eine Investment-Entscheidung mit einfließt. Es ist aktuell aber auch schon erfreulich zu sehen, dass sich mehr und mehr Investoren in den letzten Monaten entsprechend verstärkt haben.

Wie sieht das Programm bei SAP konkret aus?

Gautam-Nigge: Innerhalb des Programms wurden Gründer über ein halbes Jahr lang begleitet. Dabei fanden pro Monat zwei Präsenz-Workshop-Tage statt, abgerundet durch Gelegentliche gemeinsame Lunch- und Afterwork-Sessions, zu denen auch Experten eingeladen waren. Die Module reichten von Organisation und HR über Vertrieb und Produktentwicklung bis hin zu Venture-Capital-Finanzierung und Marketing. Wir deckten dabei alle Bereiche ab, die für ein junges Unternehmen relevant sind. Ganz konkret haben wir beispielsweise einen Workshop „How to launch a product with zero budget?“ angeboten. Dort gab es  Tipps und Tricks, wie Start-ups kostenlose Tools nutzen können, um ihr Produkt zu vermarkten. Wir arbeiteten dabei mit verschiedenen Experten wie beispielsweise Venture-Capital-Spezialisten oder Juristen zusammen. In Kombination mit dem regen Austausch der Teilnehmer untereinander resultierte so eine sehr spannende Dynamik, die das ganze Programm wertvoll abgerundet hat. Grundsätzlich legten wir beim Programm schon ein Augenmerk auf Gründerinnen, aber das Programm ist dem Start-up auch als Ganzes zugutegekommen.

Warum ist Dir das Thema Diversity persönlich wichtig?

Gautam-Nigge: Ich engagiere mich im Bereich Diversity, weil wir bestimmte Verhaltensmuster einfach aufbrechen müssen. Vorbilder sichtbar zu machen, ist dabei das A und O. Bei mir zu Hause waren Gleichberechtigung oder die gläserne Decke nie ein Thema. Meine Mutter und mein Vater haben beide das Gleiche studiert und sich auch im Gleichschritt beruflich weiterentwickelt. Ganz wichtig ist daher, dass wir Frauen ermutigen und ihnen klarmachen: Du kannst alles erreichen, was du willst. Aber auch ganz klar sagen: Ist das ein Spaziergang? Ist es immer einfach? Nein, ist es nicht. Natürlich gibt es Betreuungs- Strukturen die Vereinbarkeit zu einem ewigen Jonglage-Akt machen und mitunter immer wieder männliche Kollegen, die einem das Leben schwermachen. Es hilft jedoch, sich immer zu vergegenwärtigen, dass sie dies nicht bewusst tun, sondern zu erkennen, dass sie in gewisser Weise auch nur Opfer ihrer eigenen Sozialisation sind. Die gesellschaftlich-tradierten Strukturen durchbrechen wir nur gemeinsam. Wir müssen dafür sorgen, dass es selbstverständlicher ist, dass wir Frauen mitreden und unseren Teil vom Kuchen abhaben wollen. Deshalb ist es ganz wichtig, Frauen in die erste Reihe zu holen. Kolleginnen auf Bühnen zu stellen, weibliche Nachwuchstalente zu fördern, Frauen im Allgemeinen sichtbarer zu machen und sie für Jobs zu empfehlen. Männer tun das untereinander doch auch.

Wir müssen dafür sorgen, dass es selbstverständlicher ist, dass wir Frauen mitreden und unseren Teil vom Kuchen abhaben wollen. Deshalb ist es ganz wichtig, Frauen in die erste Reihe zu holen. Kolleginnen auf Bühnen zu stellen, weibliche Nachwuchstalente zu fördern, Frauen im Allgemeinen sichtbarer zu machen und sie für Jobs zu empfehlen. Männer tun das untereinander doch auch.

Du hast selbst die Wichtigkeit von Vorbildern angesprochen. Hattest oder hast Du selbst noch Vorbilder?

Gautam-Nigge: Ich glaube, es gibt für jeden Lebensabschnitt und jede Lebensphase, unterschiedliche Vorbilder. Meine Eltern sind vor 40 Jahren aus einem Entwicklungsland nach Deutschland gekommen und haben sich alles selbst aufgebaut, was mich natürlich dahingehend sehr geprägt hat, sich seinen Erfolg selbst erarbeiten zu können. Es liegt vor allem an dir selbst, die Chancen, die das Leben dir bietet, auch zu nutzen. Im Laufe meiner Karriere gab es immer Menschen, die entweder wichtige Impulse gegeben haben oder als Mentoren fungiert haben und meine Karriereschritte bewusst oder auch unbewusst geprägt haben, konkret beispielsweise Simone Menne oder Hendrik Brandis.

Simone Menne hatten wir auch schon als Interview-Partnerin in unserer Reihe. Dann möchten wir Dir gerne eine Frage stellen, die Simone Menne uns für die nächste Interview-Partnerin mitgegeben hat: Wenn Du in der IT-Abteilung eine Leitungsposition besetzen müssten, wie würden Du Frauen ansprechen und das möglichst kreativ?

Gautam-Nigge: Zunächst hilft es, sich in seinem eignen Netzwerk umzuschauen. Ich würde daher Frauen aus meinem Netzwerk ansprechen und sie vorschlagen und empfehlen. Ein weiterer Fakt, den viele unterschätzen, ist, dass Stellenanzeigen häufig durch die Art der Formulierung eher Männer adressieren. Ich würde daher schon in der Ausschreibung auf Formulierungen achten, die gezielt Bewerberinnen ansprechen. Es hilft zudem, sich ein wenig von der Erwartungshaltung zu lösen, diejenige muss das schon 15 Jahre lang gemacht haben, und jemanden wirklich die Chance zu geben, sich in einem Themenfeld außerhalb der Komfortzone neu zu bewähren.

Ein weiterer Fakt, den viele unterschätzen, ist, dass Stellenanzeigen häufig durch die Art der Formulierung eher Männer adressieren. Ich würde daher schon in der Ausschreibung auf Formulierungen achten, die gezielt Bewerberinnen ansprechen. 

Welche Frage möchtest Du unserer nächsten Interviewpartnerin im Kontext Diversity mitgeben?

Gautam-Nigge: Die Unternehmen haben die Wichtigkeit von Diversität erkannt. Wir wissen, wir müssen Diversität in all ihren Dimensionen fördern. Auch die gesellschaftliche Notwendigkeit dafür ist in allen Bereichen mehr als evident. Schaffen wir die geeigneten Strukturen profitieren nicht nur Frauen, sondern in der positiven Folge auch andere benachteiligte Gruppen. Trotz dieser Erkenntnis zementiert der Unconcious Bias gerade im mittleren Management mit zunehmendem Aufstieg in der Hierarchie eine Abrisskannte. Wie schaffen wir es, systematisch eine inklusive Kultur zu verankern, dass sich Frauen mittelfristig weiter durchsetzen und ihr Potential gezielt entfaltet wird?

Vielen herzlichen Dank für Deine Zeit und das Interview!


Für unsere Serie #LIT Ladies in Tech suchen wir weitere spannende Interview-Partnerinnen und -Partner. Kontaktieren Sie uns gerne bei Interesse. Schreiben Sie gerne eine E-Mail an: hanna.vonderau(at)eco.de